Ochsenhausen, wia's ischt ond war

Die zwölf Artikel der Bauern von 1525


In leicht verständlicher heutiger Sprache

Kommentare sind in eckige Klammern [...] gesetzt, der Text in geschweiften Klammern {...} ist im Original ebenfalls nicht vorhanden, die normalen Klammern (...) hingegen bestehen auch im Urtext.

Die Artikel:

Die grundlegenden und rechtmäßigen Hauptartikel aller Bauernschaft und Hintersassen [abhängige Landpächter] der geistlichen und weltlichen Obrigkeiten, von welchen sie sich beschwert [zu Unrecht belastet] vermeinen.

Dem christlichen Leser Friede und Gottes Gnade durch Christus. Es gibt viele Widerchristen [Gottlose], die zur Zeit wegen der versammelten Bauernschaft das Evangelium schmähen, es wird gesagt: Das seien die Früchte des neuen Evangeliums? Niemand gehorsam sein, an allen Orten sich empören und aufbäumen, mit großer Gewalt zuhauf laufen und sich rotten [große bewaffnete Versammlungen bilden], geistliche und weltliche Obrigkeiten zu reformieren, auszuroden [abzuschaffen], ja vielleicht gar zu erschlagen? Allen diesen gottlosen frevelnden Urteilern antworten die nach geschriebenen Artikel. Als Erstes wollen wir diese Schmach [Schmähung] des Wort Gottes aufheben, zum anderen die Ungehorsamkeit, ja die Empörung aller Bauern christlich {begründet} entschuldigen. Zum Ersten, ist das Evangelium nicht eine Ursache der Empörungen oder Aufrührereien, weil {dies}es eine Rede von Christus ist, dem verheißenen Messias, dessen Worte und Leben nichts denn Liebe, Friede, Geduld und Einigkeit lehren. Also, dass alle die an diesen Christus glauben, liebevoll, friedlich, geduldig und einig werden. So ist denn der Grund aller Artikel der Bauern (wie klar ersichtlich ist) dahin gerichtet, das Evangelium zu hören und demgemäß zu leben. Wie vermögen dann {also} die Widerchristen das Evangelium eine Ursache der Empörung und des Ungehorsams nennen? Dass aber etliche Widerchristen und Feinde des Evangeliums wider solche Anmutung und Begehrung sich lehnen und aufbäumen [sich gegen die Forderungen der Bauern stellen], ist nicht verursacht durch das Evangelium, sondern durch den Teufel, den schändlichsten Feind des Evangeliums, der solches durch den Unglauben in den seinen erweckt. Hiermit, dass das Wort Gottes ({welches uns} Liebe, Friede, und Einigkeit lehrt) unterdrückt und {uns} weggenommen wurde. Zum anderen folgt dann klar und lauter, dass die Bauern, in ihren Artikeln dieses Evangelium zur Lehre und Leben begehrend, nicht mögen ungehorsam, aufrührerisch genannt werden. Ob aber Gott die Bauern (nach seinem Wort zu leben ängstlich rufend) erhören will, wer will den Willen Gottes tadeln? Wer will in sein Gericht {ein}greifen? Ja wer will seiner Majestät widerstreben? Hat er die Kinder Israels, zu ihm schreiend, {nicht} erhört und aus der Hand des Pharaos erledigt [befreit]? Mag er nicht noch heute die Seinen erretten? Ja, er wird sie erretten! Und in Kürze! Deshalb, christlicher Leser, diese nachfolgenden Artikel lese mit Fleiß, und hinterher urteile {selbst}.

Hier nachfolgend die Artikel.

Der erste Artikel:

Zum Ersten ist unsere demütige Bitte und Begehr, auch unser aller Wille und Meinung, dass wir zukünftig {die} Gewalt und Macht haben wollen, eine ganze Gemeinde soll ihren Pfarrer selbst erwählen und küren [im Original „kyesen“]. Auch {soll sie} die Gewalt haben, den selbigen wieder abzusetzen, wenn er sich ungebührlich verhält. Der selbige erwählte Pfarrer soll uns das heilige Evangelium lauter und klar predigen, ohne alle menschlichen Zusätze, Lehre und Gebote, denn uns {nur} den wahren Glauben stets verkündigen, {er} gibt uns eine Ursache Gott und seine Gnade zu bitten, in uns den selbigen wahren Glauben auszubilden und {diesen} in uns wohnen zu lassen. Denn wenn seine Gnade in uns nicht ausgebildet wird, so bleiben wir stets Fleisch und Blut, das zu nichts weiter nutze ist, wie denn klar in der Schrift steht, dass wir allein durch den wahren Glauben zu Gott kommen könnten, und alleine durch seine Barmherzigkeit selig werden müssen. Darum ist uns ein solcher Vorgeher [im Sinne von „beispielhafte Person“] und Pfarrer von Nöten, und in dieser Gestalt in der Schrift begründet.

Der andere [zweite] Artikel:

Zum Anderen, nachdem der rechtmäßige Zehnt [Kornsteuer] im Alten Testament festgesetzt ist und im Neuen {Testament} als erfüllt, nichts desto minder wollen wir den rechtmäßigen Kornzehnten gerne geben, doch wie es sich gebührt. Demnach soll man ihn Gott geben und den seinen mitteilen, {so} gebührt er einem Pfarrer, der klar das Wort Gottes verkündet. So sind wir fürderhin Willens diesen Zehnt {von} unserer Kirchen Pröbste, so denn von einer Gemeinde eingesetzt, sollen einsammeln und einnehmen {lassen}, {und} davon einem Pfarrer, so {er} von einer ganzen Gemeinde erwählt wird, sein ziemlich genügendes [angemessen ausreichendes] Auskommen geben, ihm und den Seinen, nach Erkenntnis [Beschluß] einer ganzen Gemeinde. Und was übrigbleibt, soll man (armen Bedürftigen, so sie im selben Dorf vorhanden sind) mitteilen [zukommen lassen], nach Gestalt der Sache [Sachlage] und der Erkenntnis einer Gemeinde. Was übrig bleibt, soll man behalten, falls man rüsten muß, einer Landnot [Kriegsgefahr] wegen. Damit man keine Landessteuer auf den armen Mann lege dürfe, soll man es {in solchen Fällen} von diesem Überschuss ausrichten. Auch wenn Sache wäre, dass ein oder mehrere Dörfer, die den Zehnten selbst aus großer Not halber verkauft hätten, dieselben so darum zu zeigen, in der Gestalt haben von einem ganzen Dorf, der soll es nicht entgelten, sondern wir wollen uns ziemlicher Weise, nach Gestalt und Sache mit ihm vergleichen, ihm solches wieder mit ziemlicher Ziel und Zeit ablassen [falls jemand die Steuer eines ganzen Dorfes gepachtet hat, soll das Dorf sich je nach Sachlage mit dem Käufer vergleichen und die Steuerpacht zu angemessenem Preis und nach angemessener Zeit wieder auslösen können]. Aber wer von keinem Dorf solches erkauft hat und ihre Vorfahren ihnen selbst solches {willkürlich} zugeeignet haben, wollen und sollen und sind ihnen nichts weiter schuldig zu geben, allein wie oben steht unseren erwählten Pfarrer damit zu unterhalten, nachmalen ablesen [schwäb.: verlesen = sortieren; also etwa, danach mit dem Probst zu bilanzieren] oder den Bedürftigen mitteilen, wie {es} die Heilige Schrift beinhaltet, sie [die unrechtmäßigen Steuerpächter] seien geistlich oder weltlich. Den kleinen Zehnt [eine erweiterte Steuer, beispielsweise auf das Vieh] wollen wir gar nicht geben. Denn Gott der Herr {hat} das Vieh frei dem Menschen beschaffen, {so} dass wir das für einen unziemlichen Zehnt {ein}schätzen, den die Menschen erdichtet haben. Darum wollen wir ihn nicht weiter geben.

Der dritte Artikel:

Zum Dritten ist der Brauch bisher gewesen, dass man uns für ihre eigene Leute [Leibeigene] gehalten hat, welches zum Erbarmen ist, angesichts, dass uns Christus alle mit seinem kostbaren vergossenen Blut erlöst und erkauft hat, den Hirten gleichwohl als den Höchsten, keinen ausgenommen. Darum findet sich in der Schrift, dass wir frei seien und sein wollen. Nicht, dass wir frei sein wollen, {überhaupt} gar keine Obrigkeit zu haben. Lehrt uns Gott nicht, wir sollen in Geboten leben, nicht in freiem fleischlichen Mutwillen, sondern Gott lieben, ihn als unseren Herrn in unseren Nächsten erkennen, und all das, was wir auch gern hätten, was uns Gott am letzten Abendmahl geboten hat. Darum sollen wir nach seinem Gebot leben. Zeigt und weist uns dieses Gebot nicht an, dass wir der Obrigkeit gehorsam seien? Nicht allein der Obrigkeit, sondern wir sollen uns gegen jedermann demütigen, {so,} dass wir auch gerne gegen unsere erwählte und gesetzte Obrigkeit (so uns von Gott gesetzt) in allen ziemlichen [gebührlichen] und christlichen Sachen gerne gehorsam sind. So haben wir auch keine Zweifel, ihr werdet uns {aus} der {Leib-}Eigenschaft als wahre und rechte Christen gerne entlassen oder uns {aber} im Evangelium des berichten [es beweisen], dass wir es seien.

Der vierte Artikel

Zum Vierten ist bisher im Brauch gewesen, dass kein armer Mann die Gewalt [das Recht] hatte, das Wildbret, Geflügel oder Fisch in fließendem Wasser zu fangen {oder dieses} zulässig war, welches uns ganz unziemlich und unbrüderlich dünkt, sondern {was} eigennützig und dem Wort Gottes nicht gemäß ist. Auch{, dass} in vielen Orten die Obrigkeit uns das Wild zum Trotz und mächtigem Schaden hält [böswillig die Population des Wildes in schädlich hoher Zahl hält], {diese Obrigkeit} will das unsrige [gemeint sind die Feldfrüchte der Landwirte] (das Gott dem Menschen zu Nutzen hat wachsen lassen) den unvernünftigen Tieren zu nutzlosem Fressen mutwillig {überlassen} ({worunter wir} leiden müssen), dazu {wir} stillschweigen {müssen}, was wider Gott und den Nächsten ist, denn als Gott der Herr den Menschen erschuf, hat er ihm Gewalt gegeben über alle Tiere, über den Vogel in der Luft und über den Fisch im Wasser. Darum ist unser Begehren, wenn einer {Fischereirechte am} Wasser hätte, dass er es mit genügendem schriftlichem Beweis belegen kann, dass man also das Wasser unwissentlich erkauft hätte [in gutem Glauben man könne so etwas kaufen], begehren wir es ihm nicht mit Gewalt zu nehmen. Sondern man müsste ein christliches Einsehen darin haben von wegen brüderlicher Liebe, aber wer es nicht genügend beweisen kann, soll es einer Gemeinde in gebührender Weise mitteilen [diese teilhaben lassen].

Der fünfte Artikel

Zum Fünften sind wir auch beschwert der Beholzung [Waldnutzung] halber. Denn unsere Herrschaften haben sich die Hölzer [Wälder] alle alleine angeeignet, und wenn der arme Mann etwas bedarf, muß er es für doppeltes Geld [überteuert] kaufen. {Es} ist unsere Meinung: Was für Hölzer seien, es haben es geistliche oder weltliche {Herrschaften inne}, diejenigen, die es nicht erkauft haben, sollen {es} einer ganzen Gemeinde wieder anheim fallen {lassen}, und einer Gemeinde {soll es} ziemender Weise frei stehen, einem jedweden seine Notdurft an Brennholz umsonst ins Haus nehmen {zu} lassen, auch, wenn Holz zu Zimmererarbeiten von Nöten sein sollte, auch {dieses} umsonst {zu} nehmen, doch mit Wissen derer, die von der Gemeinde dazu erwählt werden [Forderung nach gewählten Forstaufsehern zur nachhaltigen Nutzung des Waldes im Jahr 1525!]. So aber keines [kein Wald] vorhanden wäre, denn das, was redlich erkauft worden ist, soll man sich mit den selbigen [Besitzern] brüderlich und christlich vergleichen. Wenn aber das Gut am Anfang sich selbst {zu Unrecht} angeeignet und anschließend verkauft wurde, soll man sich {mit dem Käufer} vergleichen nach Gestalt der Sache und Erkenntnis brüderlicher Liebe und heiliger Schrift.

Der sechste Artikel

Zum Sechsten ist unsere harte Beschwerung [Belastung] der Dienste halber, welche von Tag zu Tag gemehrt werden und täglich zunehmen, wir begehren, dass man ein gebührendes Einsehen darin habe, uns nicht so dermaßen hart zu beschweren, sondern, uns gnädig, hier sich betrachten, wie unsere Eltern gedient haben, {nämlich} allein nach dem Wortlaut Gottes.

Der siebte Artikel

Zum Siebten, dass wir uns zukünftig {durch} eine Herrschaft nicht weiter beschweren [stärker belasten] lassen wollen, sondern wie es einer Herrschaft {in} gebührender Weise anverleiht {ist}, also soll sie es besitzen [Frondienste einfordern können] laut der Vereinbarung des Herren und {den} Bauern. Der Herr soll ihn [den Bauern] nicht weiter zwingen noch drängen, mehr Dienste noch anderes {als vereinbart} von ihm umsonst {zu} begehren, damit der Bauer solches Gut unbeschwert, also {wie es} erüblich {ist} brauchen und niessen [nutzen] mag. Wenn aber des Herren Dienst von Nöten wäre [der Herr Dienste benötigt], soll ihm der Bauer willig und gehorsam für ander [zur Hand] sein, doch zu Stunde und Zeit [zur richtigen Zeit], die dem Bauern nicht zum Nachteil dient [etwa zur Saat- oder Erntezeit um die Bauern bewußt in die Armut zu treiben], und ihm um einen gebührenden Pfennig denn tun [und gegen angemessene Entschädigung bei den Arbeiten über die Dienstpflicht hinaus].

Der achte Artikel

Zum Achten werden wir beschwert, und das viel, dass {diejenigen welche gepachtete} Güter inne haben, dass die selbigen Güter die Gült [Pacht] nicht eintragen können und die Bauern das Ihre darauf einbüßen und verderben, dass {zukünftig} die Herrschaften die selbigen Güter {durch} ehrbare Leute besichtigen lassen und nach der Billigkeit ein Geld erschöpf [und je nach dem tatsächlichen Ertrag die Pacht durch diese neutralen Gutachter festgelegt wird], damit der Bauer seine Arbeit nicht umsonst tue, denn ein jeglicher Tagelöhner ist seines Lohnes würdig.

Der neunte Artikel

Zum Neunten sind wir beschwert {wegen} der großen Frevel [Strafprozesse], dass man stets {eine} neue Satzung macht, nicht dass man uns straft nach Gestalt der Sache [Schwere des Verbrechens], sondern zu Zeiten aus großem Neid und zu Zeiten aus großer Gunst. {Es} ist unsere Meinung, uns bei alter geschriebener Strafe {zu} strafen, danach {soll} die Sache verhandelt werden, und nicht nach Gunst.

Der zehnte Artikel

Zum Zehnten sind wir beschwert, dass viele sich Wiesen angeeignet haben, dergleichen Äcker die denn [eigentlich] einer {ganzen} Gemeinde zu gehören [die sogenannte „Allmende“]. Dieselben werden wir wieder zu unseren gemeinsamen Händen nehmen, es sei denn Sache, dass man es redlich gekauft hätte. Wenn man es aber unbilliger Weise erkauft hat [in gutem Glauben von einem Dritten gekauft hat], soll man sich gütlich und brüderlich miteinander vergleichen, nach Gestalt der Sache.

Der elfte Artikel

Zum Elften wollen wir den Brauch, genannt der Todesfall [Leichensteuer] ganz und gar abgetan haben. Ihn nicht mehr leiden noch gestatten, dass man Witwen, Waisen das ihre wider Gott und die Ehre, also schändlich nehmen, berauben soll, wie es an vielen Orten (auf die eine oder andere Weise) geschehen ist, und von denen, die sie beschützen und beschirmen sollten, wurden wir geschunden und geschabt [schinden und schaben, „die Haut abziehen und das Fleisch davon abschaben“], und wenn sie wenig Fuog gehabt hätten, hätten dies sogar genommen [und wenn sie sich auch nur ein wenig dazu befugt gefühlt hätten, hätten sie sogar noch die Haut genommen], was Gott nicht mehr leiden will, sondern {das} soll ganz absein, kein Mensch etwas {bei einem Sterbefall} künftig zu geben schuldig sein, weder wenig noch viel.

Beschluß [Der zwölfte Artikel]

Zum Zwölften ist unser Beschluß und endliche Meinung, wenn einer oder mehrere Artikel die hier aufgestellt {werden} (dem Wort Gottes nicht gemäß) wären, was wir denn nicht vermeinen [was wir nicht glauben], diese Artikel wolle man uns mit dem Wort Gottes für unziemlich anzeigen [unvereinbar beweisen], {dann} wollen wir davon abstehen, wenn man es uns aufgrund der Schrift erklärt. Auch wenn man uns jetzt schon einige Artikel zu gestände und hernach sich befände, dass sie Unrecht wären, sollen sie von Stund an tot und absein, nichts mehr gelten. Desgleichen {aber auch} wenn sich in der Schrift mit der Wahrheit [der Bibel] weitere Artikel finden, die wider Gott und zur Beschwernis der Nächsten wären, wollen wir {es} uns auch vorbehalten und {neu} beschließen und uns in aller christlichen Lehre üben und {diese} benutzen. Darum wir Gott den Herrn bitten wollen, der uns das selbige geben kann und sonst niemand. Der Friede Christi sei mit uns allen.