Ochsenhausen, wia's ischt ond war

Vom Marktflecken zur Stadt
Die Geschichte von Ochsenhausen seit 1803


Die neue Zeit - verschiedentliche Herrschaften

Der oberschwäbische Bauer einst und jetzt
Der oberschwäbische Bauer einst und jetzt
Zeitungsbeilage, erste Hälfte des 19. Jhdts.
- Privatbesitz

Ein durchlauchtiger Plünderer

Die Herrschaft der Mönche des Klosters Ochsenhausen endete also 1803 mit der Säkularisation und wurde zunächst durch Fürst Metternichsche Herrschaft abgelöst. Schon 1825 aber fiel das Kloster durch Kauf an Württemberg (der Ort selbst war bereits 1806 mit dem Untergang des Alten Reiches an den frisch gebackenen König gefallen). Freilich nur die Grundstücke und Gebäude der einstigen Reichsabtei, die der adelige Herr standesgemäß in "Schloß Winneburg" umbenannt hatte.

Denn die beweglichen Kunstwerke und die wertvollen Bücher, die im Lauf der Jahrhunderte mit den Erträgen der Arbeit untertäniger Bauern und Leibeigener beschafft wurden, nahm dieser feine Fürst entweder als Beute mit nach Böhmen, oder er verscherbelte sie.

Weniger wertvoll eingeschätzte Bücher der Bibliothek wurden lastwagenweise eingestampft, um noch ein paar Gulden Profit zu erzielen, und es geht die Erzählung, die Fuhrleute hätten etliche davon zur Verfüllung von Löchern in den schlechten Straßen benutzt.

Jedoch wurden in jener Zeit auch viele religiöse Kunstwerke zu Schleuderpreisen unters Volk gebracht. So konnte mein Vater sogar noch den Namen jenes gewitzten Gutenzeller Bauern benennen, der damals zur Sommerszeit mit dem leeren Wagen nach Ochsenhausen wollte; von seinen Nachbarn angesprochen, warum er denn das schöne Wetter nicht zur Mahd nütze, antwortete: "Hai geits a jeds Johr, Hoilige kasch abr blos oimal em Leaba eifahra." So kam wenigstens ein kleiner Teil dessen, was einst die Herren geraubt, in die Hände jener zurück, die diese Werte geschaffen hatten.

Außer diesen Plünderungen hinterließ Fürst Metternich kaum Spuren. Die Schloßstraße und die Fürstenallee in Ochsenhausen tragen seit dieser Zeit ihre Namen; aus dem "Schloß" aber wurde längst wieder das "Kloster".

Unter königlicher Herrschaft

Im Flecken selbst führte der Wechsel der Obrigkeiten nicht nur zu verwaltungstechnischen, sondern auch zu gesellschaftlichen Veränderungen: Erste "Luthrische" siedelten sich an - zuerst wohl ortsversetzte Beamte in staatlichen Diensten. Ihre Zahl aber blieb bis in die 1960er Jahre gering. Auch gemischte Heiraten sorgten noch bis in diese Zeit hinein gesellschaftlich für Gesprächsstoff, obgleich so etwas keinen Skandal mehr erzeugte.

Seit dieser Zeit beherbergten die ehemaligen Klostergebäude hauptsächlich Schulen, Ämter und Internate verschiedener Art. Auch der in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts recht bekannte Schriftsteller Wilhelm Schussen verbrachte einen Teil seiner Schulzeit in einer dieser Einrichtungen, wie er in seinem Buch "Zwischen Donau und Bodensee" (1924) berichtet. An der hölzernen Rückwand des rechten Seitenaltars der 2019 zur "Basilica minor" erklärten Klosterkirche zeugen etliche eingeschnittene Namen von diesen Burschen. Da man ab jetzt keine Konsequenzen mehr fürchten musste, war dies wohl eine Zeit lang zum Abschiedsritual geworden.

Das Zentrum der offiziellen geschichtlichen Entwicklung verlagerte sich jetzt vom Kloster zum Ort selbst und bis heute weiß niemand so recht, wie die gewaltigen Gebäude sinnvoll genutzt werden sollen. Momentan sind dort u. a. eine Landesakademie für die musizierende Jugend und ein kleines Klostermuseum beheimatet.

Das umgangssprachliche "Focke" für den Fruchtkasten, der heute auch als Städtische Galerie dient, hat seinen Namen übrigens von dem berühmten Flugzeugkonstrukteur und dessen Firma "Focke-Achgelis" (Unterseite von ochsenhausen.net).

Die Namen für das Gebäude sind damit allerdings nicht erschöpft, bis in die späten 60er Jahre war der älteste und dritte noch in Gebrauch. Es wurde damals auch die "Obere Schranne" genannt, um sie örtlich von der "Unteren Schranne" zu unterscheiden, in der bis zu Beginn der 80er Jahre u. a. auch die beiden örtlichen Feuerwehrfahrzeuge ihren Standort hatten.

Von der Not zum Patriotismus

Anzeige von Auswanderungsagenten
Zeitungsanzeige vom Juli 1869. Nach der Revolution von 1848 erreichte die Auswanderung aus Deutschland einen Höhepunkt

Alleinerbensitte und Abwanderung

Die zweite grosse Revolution in der deutschen Geschichte, jene von 1848, ging an Ochsenhausen - trotz der grossen Armut weiter Bevölkerungskreise - fast spurlos vorüber. Nicht einmal die Aufstellung einer "Bürgerwehr" zur Abwehr revolutionärer Umtriebe wurde, wie anderenorts, von der Obrigkeit für nötig befunden.

Die Verteilung von ein paar Mehlsäcken an die Hungernden reichte aus, um die besitzlose Bevölkerungsmehrheit geduldig weiter leiden zu lassen. Allenfalls wurden, vom ersten bis ins letzte Viertel des 19. Jahrhunderts, ein paar Gulden als Beihilfe zur Auswanderung ausgezahlt.

Der Überschuss an unbemittelter Bevölkerung war hauptsächlich durch die in Oberschwaben weit verbreitete schöne Sitte des Alleinerbens verursacht, d. h., jeweils der älteste Sohn erbte alles. Nur bei reichen Bauern konnten die anderen Kinder auf die Auszahlung von überschüssigem Geld hoffen.

Die überzähligen Söhne weniger wohlhabender Bauern wechselten entweder zu den völlig besitzlosen "Seldnern" (Lohnarbeitern), oder aber zogen als Knechte, und, bis zur Einführung der allgemeinen Wehrpflicht um 1800, als Söldner von dannen. Als Letztere erlangten die Oberschwaben (ähnlich den Schweizern, wo die Verhältnisse vergleichbar waren) vom Spätmittelalter bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts einige Berühmtheit und fochten in allen europäischen Kriegen mit.

Die Töchter mussten sich als Mägde verdingen, sofern sie nicht eine "gute Partie" machten, was aber bei der bei unseren Landsleuten weit verbreiteten Sparsamkeit eher selten war. Aus Liebe wurde fast nie geheiratet, die Mitgift musste stimmen. Es war üblich, dass die Eltern bei der Heirat ein gewichtiges Wörtchen mitzureden hatten.

Wenn die Kinder Glück hatten (und das nötige Eintrittsgeld), durften sie in früheren Zeiten auch Nonnen oder "Laienbrüder" werden, was zwar nicht den Luxus eines richtigen Pater-Lebens brachte, jedoch einen Arbeitsplatz im Kloster und Versorgung bei Krankheit auf Lebenszeit sicherte.

Diese Möglichkeit wurde mit dem Ende der Klosterherrschaft zerschlagen, die Alleinerbensitte - auch wegen der klimatischen Bedingungen und nur durchschnittlichen Qualität der Böden im Voralpenland - aber beibehalten. Die Folgen sind klar. Knechte und Mägde, die für das Essen arbeiteten, gab es zuhauf.

Auch weil bei der ländlichen Bevölkerung zehn oder noch mehr Kinder bis in die 30er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts keine Seltenheit waren. Zudem begann mit dem 19. Jh. das Zeitalter der Wissenschaften, und die medizinischen Erkenntnisse wirkten sich bald aus.

Im Zweiten Reich

Der Sieg über Frankreich 1871 löste Begeisterung aus und zu ew`ger Erinnerung wurde unter viel patriotischem Geschwafel eine "Friedenslinde" auf der Kreuzhalde gepflanzt, die sogar noch in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts durch einen neuen Baum ersetzt wurde. Ob der Baum aber schon immer diesen Namen trug, weiß ich nicht...

Ende des neunzehnten Jahrhunderts begann auch in Ochsenhausen das elektrische Zeitalter, die Bahnverbindung nach Biberach wurde fertiggestellt (heute die "Öchsle Museumsschmalspurbahn") und der wirtschaftliche Boom des 2. Kaiserreiches brachte eine Entspannung der sozialen Lage durch Abwanderung in die gigantisch wuchernden Industriezentren an Neckar, Rhein oder gar bis an die Ruhr.

Wie zum Beweis, dass die grossen geschichtlichen Ereignisse auch die kleinsten Orte betreffen, fiel der Völkermordaktion in "Deutsch-Südwest" an den Hereros zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts auch ein Bewohner des nahen Nachbardorfes Erlenmoos zum Opfer, der sich vermutlich aus Abenteuerlust oder Armut zur "Schutztruppe" gemeldet hatte, wie eine Grabtafel auf unserem Friedhof noch bis Ende des 20. Jahrhunderts bewies.

Von der Not zum Nationalsozialismus

Deutsche Münzen aus verschiedenen Zeiten
Münzen aus verschiedenen Zeiten
Oben: Ein Kreutzer 1772 (G für "Günzburg" - Vorderösterreich), Kupfer
Mitte: ½ Reichsmark 1918, Silber
Unten: 1 Mark Sachsen 1921 (Notgeld), Keramik

Das Reich der Republik

Unsere Gemeinde beklagte in der kausalen Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts, von 1914-18; 91 Tote, von den Verwundeten und Versehrten ganz zu schweigen, und ich weiß nicht, ob es irgendwelche Statistiken über diese sogenannten "Kriegsbeschädigten" in unserem Raum gibt.

Die Auferlegung der alleinigen Kriegsschuld als Friedensbedingung durch die Alliierten war ein bedeutender psychologischer Faktor, der die Fortsetzung dieses Krieges 1939 wesentlich erleichtern sollte. All diese Toten und Versehrten, junge Männer und vor allem Familienväter, deren Tod oder Verstümmelung Existenzkrisen auslösten - sollten ihr Opfer für eine ungerechte Sache gebracht haben?

Glaubte man sich doch, und war es auch bis zu einem gewissen Grad, unschuldig von den Feinden angegriffen. Dass das Reich durch die kurzsichtige Politik des nur durchschnittlich begabten, aber grossspurig auftretenden Kaisers, den Engländern und vor allem den Franzosen die lang ersehnte Chance des Kräftemessens erst gab, übersah man grosszügig.

Die existentielle Not eines grossen Teils der ländlichen Bevölkerung während der Kriegs- und (vor allem) Nachkriegszeit wurde von manchem Bauern weidlich ausgenutzt. Knechte und Mägde wurden von solchen "Saubauern", wie sie vom Gesinde genannt wurden, unmenschlich behandelt und knapp ernährt.

So gibt es das überlieferte Beispiel, dass ein Pfund "Backsteinkäse" für drei Knechte nach einem Tag harter Arbeit das Abendbrot bildete. Brot durfte allerdings in beliebiger Menge konsumiert werden, das sollte man der Gerechtigkeit halber erwähnen. Der Bauer am Tisch hingegen ließ sich die Schinkenwurst aus der "Speis" schmecken, deren einzigen Schlüssel er in seiner Tasche verwahrte. Hatte die Frau solcher Bauern genügend Mitgift mitgebracht, durfte auch sie sich bedienen. Die schluchzende und bibbernde Magd musste auf diesem Hof einst bei 15 Grad minus im Freien mit blauen Fingern Reisig hacken.

Manch armer Arbeitsloser griff in solchen Zeiten zur Flinte um sich sein Essen im Wald selbst zu besorgen oder seine Beute auf dem Schwarzen Markt in Biberach gegen Geld oder Waren zu tauschen. Das Ansehen solcher Wilderer war, im Gegensatz zur behördlichen Meinung, bei einem grossen Teil der Bevölkerung hoch. Arbeit war selten und mein Onkel war nicht der Einzige, der aus Geldmangel jeden Morgen zu Fuß ins 16 km entfernte Biberach zu seiner Lehrstelle und des Abends wieder zurück ging.

Das Dritte und Letzte Reich

Diese Umstände führten mit zu dem unrühmlichsten Kapitel in unserer Geschichte.

Leider war Ochsenhausen braun wie sonst wenige andere Gemeinden in Oberschwaben. Das letzte freie Wahlergebnis von 1933 brachte der NSDAP 44,1%. Und das in einem Ort, in dem das katholische "Zentrum", vor dem ersten Krieg, und bis dahin in der Weimarer Republik, die hohen Wahlergebnisse der CDU von 1949 bis die 2020er Jahre in unserer neuen Republik sogar noch übertraf!

Nach der "Machtergreifung" (Flugblatt von 1933) wurde als Belohnung dafür in der Ulmer Straße das Hauptquartier der SA-Standarte eingerichtet. Zur "Reichskristallnacht" wurde diese in Ermangelung an Ochsenhausener Juden auf Lkws nach Bad Buchau gefahren um die dortige Synagoge abzubrennen. Dort angekommen wurden Juden verprügelt und Wohnungen verwüstet, die Synagoge wurde jedoch erst etwas später von der Ulmer SA endgültig abgefackelt.

Dass das - möglicherweise befehlsgemäß - erste gelegte Feuer der Ochsenhausener die Synagoge nicht in Vollbrand setzte, hat vielleicht seinen Grund darin, dass viele der SA-Leute auch gleichzeitig Mitglieder der örtlichen Feuerwehr waren und man sich den Buchauer Kollegen nicht als Brandstifter präsentieren wollte. Denn von Feuerwehrleuten sollte man schon erwarten können, zu wissen, wie man ein Gebäude mit Feuer in Schutt und Asche legt.

Schon die Judenpolitik der Klosterherrschaft von Ochsenhausen war sehr repressiv gewesen, Juden war der ständige Aufenthalt im Klostergebiet verboten und auch fahrende jüdische Händler, vor allem Viehhändler, suchte man durch Strafen fernzuhalten. Dies wirkte wohl mehr als ein Jahrhundert nach, denn in Ochsenhausen gab es vor der Naziherrschaft meines Wissens nur eine einzige Familie jüdischen Glaubens. Andere Quellen aber erzählten von einer weiteren Familie.

Diese wurde während der NS-Zeit anscheinend mit anderen Juden zunächst in Baisingen konzentriert und konnte (so der Hinweis eines Lesers) dem Holocaust glücklicherweise über Umwege und Wirrungen nach Australien entkommen, wo noch heute Nachfahren dieser Familie leben sollen. Der örtliche Bürgermeister (von 1937 bis 1945) und SA-Standartenführer Deininger soll sich seinerzeit für diese Familie verwendet haben. So wurde berichtet, dass ein örtlicher Schuhgeschäftinhaber sich Ende der 30er bei ihm beschwerte, er hätte nicht mehr ausreichend Schuhe auf Lager:

„Dr Jud am Bahhof hot abr no an ganza Haufa!“

Worauf Deininger grob wurde:

„Der Jud am Bahhof isch mir am Arsch no liabr, as wia du em Gsicht!“

Auch die SS fühlte es so langsam an der Zeit, im Marktfecken präsent zu werden und errichtete deshalb ein Dienstgebäude oberhalb der Biberacher Straße, am Rand einer schluchtartigen und fichtenbestandenen einstigen Kiesgrube. Dieser Bau wurde nach der Beseitigung ihres Schreckensregimentes zunächst als Lungenkrankenhaus, danach, und bis in die 80er hinein als Altersheim, sowie später - Ironie der Geschichte - als Asylantenheim genutzt. Das Gebäude wurde im 21. Jh. abgetragen und durch zwei neue mit gleicher Funktion ersetzt.

Und Sturm bricht los...

Während der Ernte 1936 läuteten die Glocken der Klosterkirche eines Nachmittags Sturm und die erschreckten Feldarbeiter liefen von den Äckern in den Ort, sie glaubten nicht weniger, als dass der Krieg begonnen habe. Aber es wurde nur mit viel Pathos die Entsendung der "Legion Condor" zur Unterstützung des Generals Franco verkündet. Dies aber zeigt, dass der kommende Krieg von allen erwartet wurde.

Als dieser dann kam, mussten nicht nur die jungen Männer an die Front, auch Mädchen und Frauen wurden zwangsverpflichtet, zum Beispiel als Dienstmädchen bei Parteioberen oder in die Fabriken der Städte, wo sie den Schrecken des Bombenterrors erlebten. Als die Verluste an der Ostfront erschreckende Zahlen zu erreichen begannen, durften keine Todesanzeigen von Soldaten mehr in den Zeitungen veröffentlicht werden.

Weit von den Zentren des militärisch dramatischen Geschehens entfernt, erschienen in der letzten Kriegshälfte doch Menetekel am oberschwäbischen Firmament. Eines Tages zeigte sich ein gewaltiger Bomberstrom am Himmel, der nördlich von Ochsenhausen eine Schwenkung von West nach Nord vollzog.

Das auf dem Heselsberg positionierte Fla-Geschütz feuerte ununterbrochen und die älteren Einwohner behaupteten, dass dessen Wirkung der Abschuss eines der Flugzeuge zuzuschreiben sei. Jedenfalls liegen auf unserem Friedhof auch englische Flieger.

Nach der Bombardierung des luftlinie 130 km entfernten Pforzheims, die nicht im Zusammenhang mit diesem Bomberstrom stand, war der Himmel in nordwestlicher Richtung mehrere Nächte lang in ein unheimliches leuchtendes Rot gehüllt...

Die letzten Sturmopfer

Die letzten Tage der braunen Herrschaft in Ochsenhausen waren mit Blut getränkt. Hitlerjugend sollte die angreifenden Feinde solange aufhalten, bis die Militär- und Naziführung Richtung "Alpenfestung" fliehen konnte.

Mein Großvater befand sich in Erwartung der Dinge, wie viele andere Leute auch, im Flecken vor dem Rathaus. Als klar wurde, dass in spätestens 2 Stunden die anrückende Vorhut der Franzosen auftauchen würde, machte er sich auf den Heimweg.

Am Ortseingang auf der Höhe des Säubergs lagen 4 Jugendliche der HJ mit Panzerfaust bewaffnet in einem Graben. Er wollte sie überreden, mit ihm in sein einsam gelegenes Haus zu kommen, wo sich bereits mehrere Soldaten und sogar ein Offizier vor der SS versteckt hatten. Jedoch hatten sie Angst erschossen zu werden und glaubten den Beteuerungen meines Großvaters, dass die Herren der SS schon geflohen waren, nicht. Sie feuerten dann tatsächlich auf die anrückenden Panzer. Diese Kinder liegen heute auf dem örtlichen Friedhof.

Auch die Verstorbenen des sich im einstigen Konventgebäude befindlichen Lazaretts, das eingerichtet wurde, als die längst sinnlos gewordenen Kämpfe unsere Region erreichten, liegen dort. Die einrückenden französischen Panzer feuerten eine Granate auf das gekennzeichnete Gebäude. Opfer gab es dadurch meines Wissens aber nicht.

Das zeigt das historische Rathaus von Ochsenhausen vor der Totalsanierung in den 60er Jahren
Historisches Rathaus Ochsenhausen 1959 - Privatbesitz

Als eine der ersten Amtshandlungen ermordeten die eingerückten Franzosen den Bürgermeister, da sich im bereits erwähnten SA-Quartier in einem verschlossenen Keller Waffen befanden, die von der SS versteckt worden waren (diese hatte während der Scharmützel die Befehlsgewalt) und von denen niemand bei den örtlichen Behörden etwas wusste. Jahre später erhielten dann die Angehörigen eine Bescheinigung der Besatzungsbehörden, dass die Exekution unrechtmäßig vollzogen wurde.

Der Krieg kostete die Gemeinde diesmal 209 tote Soldaten. Auch mehrere Zivilisten fielen in den letzten Kriegstagen alliierten Tieffliegern, die Jagd auf einzelne Fußgänger (auch Frauen und Kinder) machten, sowie den echten Kampfhandlungen zum Opfer.

Es waren in Ochsenhausen hauptsächlich Soldaten nordafrikanischen Ursprungs stationiert, und nicht alle verhielten sich immer korrekt, so wurden Männer wie Frauen durch Drohungen bei Übergriffen eingeschüchtert. Die Besetzung durch die Alliierten wurde aber nicht nur deshalb von der breiten Bevölkerung keineswegs als "Befreiung" empfunden, man sprach vom "Zusammenbruch" oder "Umsturz" und die Verbrechen an den religiösen und ethnischen Minderheiten, sowie an den sowjetischen Kriegsgefangenen und Zivilisten wurden bis ans Ende der sechziger Jahre in den Hintergrund gestellt.

Während der französischen Besetzung geschah, was natürlich war. Ein paar Mädchen aus Ochsenhausen ließen sich mit den Besatzern ein. Dies allerdings sollten sie später meist bitter bereuen, denn ein Teil der örtlichen Bevölkerung bestrafte jene Frauen, die weiter im Ort wohnen blieben, bis ins hohe Alter hinein mit tiefer Verachtung. Selbst Kinder spotteten ihnen manchmal, meist ungescholten, fast 20 Jahre später noch auf der Straße hinterher.

Parallelen

Nachvollziehbar ist die damalige Standard-Antwort "was man denn hätte tun sollen" auf die Frage der "68er", weshalb man in der dunklen Zeit mitgemacht habe, schon. Schließlich stieg mit den steigenden Verlusten auch die Zahl der hingerichteten Soldaten, so wurden im ersten Teil dieses Krieges von 1914-1918 weniger als 50 Soldaten exekutiert, im zweiten von 1939-1945 bis zu 50.000! (Starke Schwankungen je nach Quelle, mindestens jedoch 25.000.) Und wer als Zivilist sein Mundwerk nicht im Zaum hielt, wurde schnell und mit dramatischen Folgen denunziert.

Überzeugte Ideologen gibt es eben immer und wenn Staat und Regierung zur Denunziation aufrufen, fühlen sich viele berufen. Davon zeugt auch unsere Gegenwart in Form von "Meldeportalen". Manche Dinge ändern sich eben nie, selbst die Indoktrination der Schulkinder erlebt eine Renaissance...

Zu Wohlstand und Überfluss

Aufnahme von Häusern am oberen Marktplatz in Ochsenhausen 1958
Marktplatz in Ochsenhausen im Jahr 1958

Im Jahr 1950 wurde der bisherige Marktflecken Ochsenhausen dann anlässlich der "Feier des 850-jährigen Bestehens" zur Stadt Ochsenhausen erhoben, behielt jedoch nichtsdestotrotz bis in die frühen 80er Jahre seinen heimeligen dörflichen Charakter.

In diesem Jahrzehnt flossen überreichlich Fördermittel des Landes, Sanierungspläne wurden erstellt und das Profil des Ortes auf Biegen und Brechen in ein kleinstädtisches verwandelt.

Etliche Jahrhunderte alte Gebäude wurden abgerissen oder manche gar bis auf die blanken Außenmauern ausgeschlachtet. Auf diese teuren potemkinschen Fassaden hätte man ehrlicherweise auch verzichten können, Neubauten wären billiger gewesen.

Auch der Brunnen mit mineralhaltigem Wasser, das in früheren Zeiten in einer Badeanstalt Verwendung fand, wurde, aus welchen Gründen auch immer, zugeschüttet.

Nicht ganz so gravierend waren die Schäden durch die 1984 abgeschlossene Renovierung des Klosters. Doch wurden auch hier z.B. im Fruchtkasten (Focke) die gewaltigen originalen Eichenbalken entfernt und dem Gebäude im Inneren ein völlig neuer Charakter gegeben. Auch das Jahrhunderte alte Pflaster aus Feldsteinen neben dem Bauhaus gibt es nicht mehr.

Dagegen fügte sich eine grosse Hausgerätefabrik, die sich Anfang der fünfziger Jahre in Ochsenhausen niederließ, versteckt zwischen zwei Hügel, nahezu nahtlos ins Ortsbild. Auch weitere Fabriken siedelten sich an, weniger diskret zwar, aber auch sie brachten Arbeitsplätze.

Supermärkte wurden, wie überall, auf die grüne Wiese gesetzt und mehrere Kilometer vom Ort entfernt ein grosses Gewerbegebiet direkt an den Waldrand gestellt. Dafür verarmte die lokale Gastronomie, deren guter Ruf sogar in der Landeshauptstadt manchmal als Erstes zur Sprache kam, wenn sie erfuhren, dass man aus dem Ort stammte.

Wohl nie in der Geschichte waren, trotz aller Kriege, die Veränderungen in 50 Jahren so gross wie in der letzten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ob zum Positiven oder Negativen hängt vom Standpunkt des Betrachters ab. Doch ist es eine Tatsache, dass der Unterschied zwischen "Land" und "Stadt", nicht nur durch fortschreitende Technik, sondern auch durch immer drastischere Zersiedelung und stetigen Straßenneubau, immer marginaler wird.

Peter Engelhardt