Kabinett der vergangenen Wirklichkeiten

Digitalisierte Postkarten: 1914 - 1918

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Zur Frauenbewegung!


Stramm stehende Frauen in Unterbekleidung und ein instruierender Offizier.

Aufschrift:
Zur Frauenbewegung!
Richt Euch, Bauch herein
Brust heraus.

Es ist nicht ganz klar, ob bei dieser Postkarte kein Verlag angegeben ist, weil er frivolerweise Frauen in Unterwäsche zeigt. Erotik und militärischer Drill sind auch bei anderen Postkarten auf humoristische Art in unserem Katalog vorhanden.
Eine solche Karte aber in einer Zeit zu versenden, als gerade Frauen immer intensiver die Männer bei der damals noch körperlich schweren Arbeit in den Fabriken – besonders in den gefährlichen Munitionsfabriken – ersetzen mussten, zeugte auch damals schon von einer hinterwäldlerischen Gesinnung unseres „Pauls“, der diese Karte dann auch noch an ein Fräulein verschickte.

Postkarte

TITEL: Zur Frauenbewegung!
URHEBER / HERAUSGEBER: Anonym, nur Nr.: 35 515
ORT: Unbestimmt
DATIERUNG: 12.4.1915
TECHNIK: Handkolierte Studiofotografie
ZUSTAND: Schlecht, viele Fehlstellen auf der Bildseite, postalisch gelaufen mit Poststempel

Historischer Hintergrund

Diese Postkarte aus dem Jahr 1915 steht im Spannungsfeld zweier bedeutender gesellschaftlicher Umbrüche zu Beginn des 20. Jahrhunderts: der erstarkenden Frauenrechtsbewegung und den kriegsbedingten Veränderungen der Geschlechterrollen im Ersten Weltkrieg. Der spöttische Titel „Zur Frauenbewegung!“ greift das Thema der Frauenemanzipation auf, verharmlost und karikiert es jedoch, indem er die Bewegung in den Kontext militärischen Drills („Richt Euch, Bauch herein, Brust heraus“) und einer fast burlesken Szenerie rückt.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 veränderten sich die Lebensrealitäten schlagartig. Während Millionen Männer an die Front gezogen wurden, übernahmen Frauen in der Heimat („Heimatfront“) arbeitsteilige und körperlich extrem fordernde Aufgaben, um die Wirtschaft und die Kriegsproduktion aufrechtzuerhalten. Sie arbeiteten in der Schwerindustrie, im Transportwesen, in der Landwirtschaft und vor allem in den hochgefährlichen Munitionsfabriken. Trotz dieser unverzichtbaren Leistung für Gesellschaft und Staat blieb der gesellschaftliche Diskurs – wie diese Humor- und Feldpostkarte exemplarisch zeigt – stark von patriachalen Rollenbildern und Spott über die politische und gesellschaftliche Gleichberechtigung geprägt.

Sujets dieser Art dienten in der Feldpost- und Unterhaltungskultur der Zeit dazu, durch eine Mischung aus Erotik, Militärparodie und gesellschaftlicher Satire für Zerstreuung zu sorgen. Gleichzeitig offenbaren sie den tief sitzenden konservativen Widerstand gegen die Forderungen der historischen Frauenbewegung, die erst nach dem Ende des Kaiserreichs mit der Revolution 1918/1919 das Frauenwahlrecht in Deutschland durchsetzen konnte.

Historische Expertise: KI Gemini

Digitalisierung: Peter Engelhardt

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